Zunehmend sind Sanierungssituationen nicht mehr durch singuläre Krisenursachen geprägt. Welche Rolle spielen Sanierungsinstrumente wie StaRUG und IDW S6 in diesem Umfeld? Wie verändern sich die Anforderungen an Finanzierung, Governance und Verfahrenswahl? Und wo liegen die praktischen Grenzen klassischer Sanierungslogiken? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des digitalen W&P Executive Dialogs in Kooperation mit GRUB BRUGGER.
Zum Auftakt ordnete W&P Managing Partner Volker Riedel die aktuellen Entwicklungen in den übergeordneten Restrukturierungskontext ein und machte deutlich, dass „Sanierung heute immer seltener ein isoliertes Finanzierungsproblem ist, sondern fast immer das Ergebnis struktureller Verschiebungen, neuer Stakeholder-Konstellationen und deutlich härter geführter Interessendiskussionen“.
Anhand einer Case Study aus dem Real-Estate-Bereich zeigte Kai Kramer, Senior Manager bei W&P, wie sich gesellschaftsrechtliche, finanzielle und verfahrensrechtliche Fragestellungen in der Praxis überlagern können. Im Mittelpunkt stand ein geschlossener Immobilienfonds in Liquidation, bei dem die Kündigungswelle zahlreicher Kommanditisten zu hohen, nicht mehr bedienbaren Auseinandersetzungsguthaben geführt hatte, während zugleich das Marktumfeld aus Zinsanstieg und Preisrückgängen Verkaufs- und Refinanzierungslösungen blockierte: „In solchen Konstellationen ist StaRUG kein theoretisches Instrument, sondern der entscheidende Hebel, um Sanierungsfähigkeit herzustellen, die Prolongation der Finanzierung zu ermöglichen und die Gesellschaft geordnet und solvent abzuwickeln“.
Dr. Lukas Herbert, Partner bei GRUB BRUGGER, zeigte mit Blick auf die anhaltende Strukturkrise der Automobilzulieferindustrie: Waren früher Stakeholder-Strukturen überschaubar, sind heute Banken, OEMs, Gesellschafter, Schuldscheingläubiger, öffentliche Hand und Fonds in die Prozesse eingebunden – mit jeweils eigenen, deutlich artikulierten Interessen. Hinzu kommen neue Herausforderungen im Cash-Management von Unternehmensgruppen, insbesondere mit Blick auf Auslandsgesellschaften und Cashpool-Strukturen. Vor diesem Hintergrund wird die Vermeidung einer Regelinsolvenz zunehmend zum strategischen Ziel, Eigenverwaltung, Treuhandmodelle und andere Instrumente gewinnen an Bedeutung.
W&P Partner Matthias Müller verdeutlichte am Beispiel aus dem Bereich der digitalen Infrastruktur, dass diese Asset-Klasse durch Zinsanstiege, regulatorische Eingriffe und steigende technische Komplexität aktuell deutlich unter Druck steht. Zentrale Hebel der Sanierung bei einem Glasfaserunternehmen waren der Aufbau einer belastbaren Projektplanung, die Herstellung von Transparenz und Informationsgleichheit zwischen Senior Bank und Fonds sowie die Moderation zwischen den unterschiedlichen Stakeholder-Interessen. „In solchen Konstellationen ist ein Sanierungskonzept nach IDW S6 nicht nur Dokumentation, sondern vor allem Moderation – und es braucht eine belastbare Faktenbasis, damit Entscheidungen überhaupt möglich werden,“ so Müller.
Die Werkstattdiskussion zeigte, wie stark sich Sanierungssituationen in Breite und Komplexität ausdifferenziert haben. Diskutiert wurden unter anderem die Auswirkungen der zunehmenden Professionalisierung von Stakeholdern auf konsensuale Lösungen, die Rolle angelsächsischer Investoren mit anderen Instrumentenlogiken, die Bedeutung der Eigenverwaltung zur Stabilisierung internationaler Strukturen sowie Fragen der Dauer von Restrukturierungsperioden und marktüblicher Verschuldungsmultiples. Deutlich wurde dabei, dass in nahezu allen Konstellationen die Refinanzierungsfähigkeit das zentrale Bewertungskriterium bleibt.